Seit der letzten Eiszeit floss die Kander nach dem Zusammenfluss mit der Simme durch das heutige Glütschbachtälchen, durchquerte die Thunerallmend und mündete schliesslich bei Uetendorf gegenüber der Zulg in die Aare. Der Verkehrsweg zwischen Thun und dem Westamt musste seit jeher die Kander queren. Bereits zur Römerzeit ist der Kander mit Respekt begegnet worden. Im römischen Heiligtum von Thun-Allmendingen sind Votivbeilchen zu Ehren des Wassergotts Neptun gefunden worden. Nach Urkunden muss schon im 14. Jahrhundert ein Kanderübergang beim heutigen Zollhaus bestanden haben, wird doch 1382 die Brüggmatte in Uetendorf erwähnt. 1427 beklagten sich «die von Uetendorf» über den Schwellenbruch beim Bau des Stegs über die Kander. In der Stiftungsurkunde des Fältschersmad von 1457 ist der Zusammenfluss von Kander und Aare erwähnt: «nämlich ihr Matten zu Uttendorf gelegen, die von Veltschen Matten, stosst an das Wasser da die Kander und die Aaren ineinander laufet.» 1486 muss die Kanderbrücke erneuert worden sein: «us erhöischender Nottdurft und zu Fürdruung gemeiner Landschaft, kurtzlichen ein Bruggen über die Kannder gemacht». Schultheiss und Rat zu Bern gestatteten den Thunern folgenden Zoll zu erheben: «Von einem jeden Menschen, so wieder und für darüber wandelt, als dick das beschieht, 1 Pfennig, von Ross und Mann 2, von einem gebasteten Ross 4 und von einem Wagen 6 Pfennig. Daraus sollen sie die Brücke in guten Ehren halten.» Im weitern sollten, wenn es Thun wünschte, die von Uetendorf, Uttigen, Wahlen und Thierachern beim Schwellen behilflich sein.

Das älteste Kartenwerk des bernischen Staatsgebiets, gezeichnet 1578 von T. Schöpf
Das älteste Kartenwerk des bernischen Staatsgebiets, gezeichnet 1578 von T. Schöpf.

Mit der Zeit behinderten die abgelagerten Geschiebemengen der Kander den Abfluss der Aare, so dass bei Hochwasser tiefergelegene Gassen in Thun unter Wasser standen. Die Umgebung der Stadt versumpfte, und es traten jährlich schlimme Fieber auf. Die Thuner betrachteten diese Zustände «mit Tränen im Aug und Wehmut im Herz». Im Jahr 1698 gelangte «Der Gemeinen Anstösseren der Aare dehmütiges Begehren, wegen der Einleitung der Kander in den Thunersee» an die Regierung. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um die Sinnhaftigkeit dieses umstrittenen Grossprojektes konnte 1713/14 die Kander endlich durch den Strättlighügel in den Thunersee eingeleitet werden. Diese erste grosse Flusskorrektion der Schweiz diente später als Vorbild für ähnliche Vorhaben wie etwa die Linthkorrektion. Auf dem trockengelegten Flussbett stockt der heutige Chandergrienwald.

Die Gemeinden am Thunersee verzeichneten nach der Umleitung der Kander eine Zunahme der Überschwemmungen, während die Gemeinden am ehemaligen Kanderlauf sich bald über Trockenheit beschwerten! «Einige Ortschaften klagten, sie werden ersäuft, andere, sie seien aufs trockene gelegt.» stellte das Kanderdirektorium in einem Bericht fest. Als Folge dieser neuen Situation wurde schon bald der Glütschbach in das alte Kanderbett geleitet, um die Gegend von Allmendingen, Thierachern, Uetendorf und Uttigen wieder mit Wasser zu versorgen. Nach der Karte des Berner Stadtarztes Thomas Schoepf von 1578 floss offensichtlich lange vor der Umleitung des Glütschbachs ein Gewässer von Thierachern über Uetendorf nach Uttigen. Dieser Bach wird 1665 in einem Kaufbrief eines Anstössers an die Nussbaummatt erwähnt: diese Matte stosse «gegen Sonneneingang an den Ursprung- oder Mühlibach». Ab 1697 diente der von Reutigen her via Glütsch der Kander entlang geleitete Glütschbach für Haus, Hof und Feld auf der Allmendingen- und Schorenallmend. Nach der Umleitung des Glütschbachs nach 1714 gerät der Name des Ursprung- oder Mühlibachs langsam in Vergessenheit. In einem Kaufbrief von 1772 wird unser Dorfgewässer «Glütsch- oder Mühlibach» genannt, 1785 ist die Rede vom «Tränkerecht am Ursprungbach». Auf einer Karte von 1867 wird auf Uetendorfer Boden der «Uttiger Mühlebach» noch erwähnt.

Die oft verheerenden Hochwässer, Überschwemmungen und Verwüstungen der Talböden, welche Flüsse wie Kander und Aare verursachten, waren eine Folge der Missachtung der Schutzfunktion unserer Wälder, vor allem der Gebirgswälder. Die Übernutzung des Waldes durch wilde Rodungen und Waldweide führten zwangsläufig zu einer schier endlosen Folge von Eingriffen an Fliessgewässern zur Verbesserung des gestörten Wasserhaushalts. So waren zur Bändigung der Kander vor ihrer Umleitung mehr als 17 Kilometer Seitenverbauungen nötig, die stellenweise fast 5 Meter hoch ragten!

Die Korrektion der Aare zwischen Thun und Bern in den Jahren 1871 bis 1878 wurde unumgänglich, weil die Aare nach der Kanderkorrektion überlastet war. Am 21. Dezember 1869 stellte die Burgergemeinde Uetendorf ein Gesuch an die Kantonale Baudirektion «um die Baudirektion dringend zu bitten, auf die Verwirklichung der projektierten Aarekorrektion hinzuwirken. Immer mehr Land verliert die Gemeinde, zumal der Strom wie ein wilder Geselle bald links, bald rechts eilt und zerstört, was ihm im Wege steht.» Von 1867 bis 1870 verlor die Burgergemeinde Uetendorf 32000 Kubikfuss Land als Folge der vielen Hochwasser. Die Burgergemeinde gab innert 18 Jahren 16300 Franken aus, um ihre Allmend durch Verbauungen zu schützen. Den damaligen Kenntnissen und Absichten entsprechend ist die Aare unter Beschneidung aller Ausweichmöglichkeiten in ein enges Abflussbett gezwungen worden. Auf nebenstehendem Kartenausschnitt (1867) lässt sich die Vielgestaltigkeit der damaligen Aarelandschaft noch gut erahnen. Entsprechend reich muss die Pflanzen- und Tierwelt gewesen sein. Von den einstigen Altwässern sind auf den heutigen Tag nur noch Uferhänge zurückgeblieben, die im Amerika-Egge als Zeugen sichtbar sind und weiterhin unseren Schutz verdienen. Ein Gedenkstein auf dem Aaredamm erinnert an die Aarekorrektion.


Die Aarelandschaft bei Uetendorf um 1870 und was von der Aare heute übrig geblieben ist.

Die Aarelandschaft bei Uetendorf um 1870 und was von der Aare heute übrig geblieben ist

Da der Geschiebenachschub in der Aare heute weitgehend fehlt, tieft sich das Aarebett jährlich um etwa einen Zentimeter ab.Der Auenwald bekommt so immer trockenere Füsse, und typische Auenwaldpflanzen verschwinden mehr und mehr. Der äussere Rand des Auenwalds ist auf Uetendorfer Gebiet stark zurückgedrängt worden, an seiner Stelle gedeiht heute an der nordöstlichen Gemeindegrenze eine bunte Magerwiese.

Die Aarelandschaft ist schliesslich 1964 von der Einmündung der Zulg bis zur Elfenau bei Bern trotz aller Veränderungen als eine der schönsten Flusslandschaften der Schweiz unter Schutz gestellt worden. Leider wird heute das Murmeln der Aare vom Rauschen der Pneus auf der nahen Autobahn übertönt.

Wenn auch für das moderne Uetendorf die Kander in Vergessenheit geraten ist und die Aare an der östlichen Gemeindegrenze ein eher unauffälliges Dasein führt, so bleiben Flüsse doch die eigentlichen Lebensadern unserer Landschaft und Kultur. Unsichtbar zieht sich in 6 bis 7 Meter Tiefe unter der Ebene ein 10 bis 20 Meter mächtiger Grundwasserstrom durch den grobkörnigen Untergrund. In gewissem Sinne liegt der Boden auf einem träge dahinfliessenden Wasserbett!